Am Samstag hatte ich meinen freien Tag, allerdings mussten alle von der SCU-404 auch am Wochenende in Bereitschaft sein und jederzeit per Diensttelefon erreichbar sein. Ich war in der Küche und bereitete für Lennja und mich ein üppiges Frühstück vor. Der frischgepresste Orangensaft durfte natürlich nicht fehlen, ist eine Art Ritual geworden zwischen meiner Tochter und mir. Ich fragte sie wie der Freitag in der Schule so ablief und während des Gespräches kam ein Anruf von Lilja auf mein smartphone. „Mika wir haben eine Leiche, ich schicke dir die Koordinaten auf dein smartphone. Veikko, Emma und Elsa sind schon vor Ort, die anderen habe ich ins Büro einberufen.“ Nach dem Gespräch öffnete ich die gesendete Datei um einzusehen, wo die Tatortschaft sich genau befindet. Es war ein Gebäude ganz in der Nähe vom Marktplatz in der Nachbarortschaft von Imatra, mit dem Auto gerade mal ein paar Minuten entfernt.

Ich machte mich fertig, verabschiedete mich von Lennja und stieg ins Auto. Am Dach meines Toyota Land Cruiser ist relativ in der Mitte eine leichte Wölbung nach innen gerichtet vorhanden. In dieser Wölbung ist ein Blaulicht der Polizei montiert, den man per Knopfdruck am Lenkrad ausfahren bzw. bedienen kann. Der Deckel der Wölbung vom Autodach fährt zur Seite, die relativ flache Blaulichtanlage fährt aus der Wölbung voll automatisch raus und wird rechts und links zusätzlich selbständig verankert. Alle Lichter am Auto blinken abwechselnd Blau / Weiß und die Polizeisirene geht an. Früher hat man als Zivilfahnder immer aus dem Fenster das Blaulicht selber per Magnetbefestigung am Dach verankern müssen, in meinem jetzigen modernen Dienstwagen wird alles per Knopfdruck am Lenkrad voll automatisch ausgefahren, eingeschaltet und bedient, spart Zeit und Nerven für den Fahrer.

Unterwegs telefonierte ich noch kurz mit dem Oberstaatsanwalt, sagte ihm das wir eine Leiche haben und schilderte die Situation meiner Tochter und teilte ihm zusätzlich mit, das wir das Team auf 9 Personen aufstocken werden, so das Lennja nach ihrem täglichen regulären Schulbesuch ebenfalls in die SCU-404 rein darf und je nach Fall und Situation bei uns mitarbeiten darf. Wir werden die Angelegenheit was Lennja betrifft mit ihrer Schule in Verbindung bringen, ist wie ein Praktikum bzw. es wird als Weiterbildungsmaßnahme deklariert. Diese Idee fand unmissverständlich einen sehr guten anklang und Lennja bekommt ab Montag eine Sondergenehmigung für die SCU-404. Sie kann jederzeit rein, bekommt in allen Abteilungen Zugang und wird zusätzlich durch Emma eine Nahkampfausbildung bezüglich Aikido absolviert bekommen. Wenn sie nächstes Jahr volljährig ist, bekommt sie ebenfalls eine Waffenausbildung durch Jari.

Sie wird bestimmt begeistert sein darüber, wenn ich die Neuigkeit heute Abend ihr erzähle. Ich fuhr Richtung Konvenkylä, ein kleines Dorf in der Nähe von Imatra. Angekommen sah ich schon von der Ferne die Blaulichter der Polizeidienstwagen. Die Tatortschaft wurde weiträumig mit einem Absperrband der Polizei abgesperrt. Die örtliche Polizei war damit beschäftigt, die Presse im Zaum zu halten und Schaulustige zu entfernen. Teilweise wurden schon routinemäßig die Nachbarschaft von Tür zu Tür befragt und entsprechende Angaben notiert. Veikko, Emma und Elsa waren schon in der Wohnung des Opfers.

Im Wohnzimmer angekommen berichtete Elsa das der Tod der Leiche laut Lebertemperaturmessung gestern Abend zwischen 19.00 Uhr und 20.00 Uhr statt gefunden hat. Eine genauere Zeitangabe wird die Obduktion in der Autopsie sagen. Der Tod wurde mit einem Schlag am Hinterkopf verursacht, es wurde ein Hammer dafür verwendet. Der Boden um den Kopf herum war mit sehr viel Blut beschmiert. Die Schädeldecke wurde regelrecht zertrümmert. Man konnte teilweise sogar Knochensplitter und Gehirnmasse am Boden erkennen, so heftigst wurde auf die Leiche eingeschlagen. Auf Grund der vorhandenen Verletzungen konnte man definitiv davon ausgehen, das dies keine Affekthandlung war sondern eine derbe Hinrichtung. An der Decke im Wohnzimmer sah man Blutstropfen vom durchschwingen des Hammers. Durch Tröpfchen Analyse kann man heraus finden wie oft und wie stark mit dem Hammer geschwungen wurde. Durch Geschwindigkeit und Ausholstrecke konnte man die angewendete Kraft errechnen, die beim Zuschlagen verursacht wurde. Beim schwingen eines Gegenstandes entstehen unterschiedliche Tröpfchenformen in unterschiedliche Richtungen, je nach dem wo man steht und in welche Richtung man schwingt.

Es gab keine Fußspuren oder Fingerabdrücke des Täters. Der Täter hatte Handschuhe getragen. Durch die genaue und akribische Untersuchung des Wohnzimmers fanden wir eine versteckte Kamera im Bücherregal und ein Laptop am Schreibtisch war ebenfalls vorhanden. Daraufhin rief ich Storm an und bat ihm hier her zu kommen und zwar unverzüglich. Circa 15 Minuten später traf Storm ein und machte sich direkt an die Arbeit am Laptop des Opfers. Er ging per Eingabeaufforderung ins innere des Betriebssystems und fand durch entsprechende Befehlszeilen im cache des Laptops heraus, das die Webcam des Laptops per remote Funktion von außen bedient wurde, sprich nicht das Opfer hatte die Webcam eingeschaltet gehabt, sondern eine andere Person von außen, eventuell der Täter. Leider war die IP Adresse verschleiert, so das man nicht nachvollziehen konnte, von wo aus die Webcam am Laptop bedient wurde. Eventuell wurde eine VPN Verbindung dafür verwendet. Nähere Untersuchungen im Büro wird es sicherlich explizit zeigen. Die Videoaufnahmen des Webcams werden im Büro durch Storm ebenfalls noch genauer angeschaut.

Auch bei der versteckten Kamera konnte man keine Signale abfangen, um heraus zu finden, wer bzw. wo der Empfänger sich befand. Der Storm hatte ein Signalverstärkerempfänger bei sich. In Zusammenarbeit mit Eetu hatte der Storm den vorhandenen Empfänger im Büro im Bereich Breitbandfunksignale erweitert gehabt. Die unmittelbaren Signale am Tatort wurden mit diesem Empfänger verstärkt und lokalisiert. Es war leider nichts da, keine Signale, keine Funkstörungen, keine Funkwellen, nichts dergleichen. Die Resultate der Signale wurden an unser Server in SCU-404 weiter geleitet. Storm sagte mir, das er im Büro die Resultate genauer untersuchen wird, da das nötige Equipment im Büro sich befindet.

Ich rief kurz Jari an und fragte was Stand der Dinge ist mit meiner Sig-Sauer Dienstwaffe. Er sagte das der angepasste Griff im laufe des Tages fertig montiert wird. Ich hatte deswegen eine Glock dabei, mir persönlich gefiehl die Sig-Sauer definitiv besser als die Glock. Die Elsa wurde durch das hiesige Forensik Team vor Ort unterstützt. Es wurden nach Fingerabdrücke, Fasern und andere Spuren gesucht und eingetütet. Es wurden aus allen Winkeln und Perspektiven verschiedene Bilder mit der Kamera aufgenommen, nummeriert und an unseren Server weiter geleitet. Die Bilder wurden nicht nur durch den Tatortfotografen ausgeführt, sondern zusätzlich noch durch eine Minidrohne, die im Zimmer eigenständig leise flog und selbständig die Fotos gemacht hat. Wird ein paar Tage dauern die ganzen gesammelten Spuren zu untersuchen. Die Polizeiarbeit ist eine filigrane und genaue Arbeit, man muss viel Zeit investieren und sehr viel Geduld mitbringen. Wer glaubt man findet den Täter innerhalb von wenige Minuten, der irrt sich gewaltig.

Das Opfer war eine junge Frau, 25 Jahre alt, arbeitete als Krankenschwester im Sankt Martin Krankenhaus, nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Ich habe Veikko beauftragt, das er ins Krankenhaus gehen soll und die Krankenakte des Opfers besorgen soll. Sicherlich waren noch andere Informationen vorhanden, die wichtig sind für unsere Untersuchung. Ich sagte Elsa das die Leiche mit dem Leichenwagen nach SCU gebracht wird, alle eingesammelten Spuren ebenfalls und das sie umgehend mit der Autopsie anfangen soll.

Vor Ort war unsere Arbeit hiermit erledigt, es gab keine weiteren Spuren, die wir aufnehmen konnten, wir packten unsere Geräte und Unterlagen zusammen und fuhren Richtung Büro zurück. Die restliche Arbeit übernahm die Polizei vor Ort. Vor der Abfahrt sagte ich dem leitenden Polizeibeamten, das er alles digitalisieren soll und es mir per email versenden soll, damit wir im Büro alles detaillierter und genauer untersuchen konnten. Ich gab ihm meine Visitenkarte.

Wir alle fuhren ins Büro. Im Büro angekommen wurde erst mal die Leiche in die Autopsie gebracht. Nach dem wir unsere Schutzanzüge angezogen hatten, machte sich Elsa direkt an die Arbeit. Zuerst wurden die äußeren Verletzungen und Merkmale der Leiche erfasst, dokumentiert, kategorisiert und abfotografiert. Danach wurde per Y-Schnitt der Brustkorb aufgeschnitten und die inneren Organe obduziert. Elsa berichtete nach der ersten Diagnose, das das Opfer genau um 19:25 Uhr umgekommen sei und das die Leiche vor ein paar Jahren schwanger war. Auf Grund der Beckenstellung der Frau konnte man heraus finden, das das Embryo vor dem Abtreibungsprozess ca. 3 Wochen alt gewesen war. Eine schreckliche und sinnlose Tat, die einem nicht so einfach in Ruhe lässt.

Nach der Autopsie nähte Elsa die Leiche wieder zu, schob die Leiche in die Kühlkammer und fing an mit der Dokumentation. Früher hat man per Handschrift alles von selbst schreiben müssen, heute macht es die künstliche Intelligenz. Elsa sprach einfach vor sich hin, der Computer hörte mit, notierte sich alles und am Ende wurde nur noch gespeichert und ausgedruckt. Alles was man sagte wurde erfasst, gegebenenfalls durch die KI korrigiert und gespeichert. Es wurde nichts ausgelassen, jede Silbe, jedes Ergebnis wurde dokumentiert und gespeichert. Das spart enorm an Zeit und Arbeit.

Während der Autopsie war Eetu und Storm bei der Analyse der Laptop- und Signaldaten beschäftigt. Schien eine heikle und fast unlösbare Geschichte zu werden, denn man konnte einfach keine Frequenzen und Signale lokalisieren, aber irgend wohin wurden ja die aufgenommenen Bilder versendet. Sei es die Webcam am Laptop oder die versteckte Kamera im Bücherregal, die Bilder konnten ja nicht einfach so verschwinden. Der Täter hat mit diesen Bildern ja was gemacht, aber wir wussten bis jetzt leider nicht, was er oder sie mit den Bildern veranstaltet hat.

Während Eetu sich die versteckte Kamera genauer angeschaut hat, schrieb Storm ein Programm an seinem Computer, um die niedrig Frequenz Breitbandsignale zu lokalisieren. Eetu machte die Abdeckung der versteckten Kamera auf, baute die Kamera auseinander, schaute die Platine sich genauer an und fand heraus, das ein Zusatzchip auf die Platine verlötet wurde. Dieser Zusatzchip wurde von Eetu entfernt und unter dem Mikroskop genauer betrachtet. Eetu fand heraus, das dieser Zusatzchip die Funktion hatte die WLAN Funksignale zu verschleiern und umzulenken. Deswegen konnten wir auf Anhieb keine IP Adresse und keine Frequenzen einfangen, aber eventuell war ja noch im Cache des Chips Restdaten vorhanden, um es zu analysieren. Eetu beschäftigte sich weiterhin mit diesem Zusatzchip der versteckten Kamera. Inzwischen war Storm mit seinem neu geschriebenem Programm fertig, um es am Laptop anzuwenden.

Storm fand durch akribische Kleinstarbeit im Cache des Laptops in Kombination mit Triangulationstechnologie heraus, das die Signale vom Handymast Nummer 4 in Lappeenranta übertragen wurden. Wer wohnte dort und gab es eventuell Bekannte oder Verwandte in der Nähe des georteten Handymastes! Ich öffnete die Personalakte des Opfers an meinem Computer und fand heraus, das sie eine ältere Schwester hatte, die in Lappeenranta wohnte. Inzwischen kam auch schon Veikko vom Krankenhaus mit der Kundenakte und wir fanden heraus, das im Krankenhaus tatsächlich vor ein paar Jahren eine Abtreibung stattgefunden hat. Bis auf die Abtreibung gab es keine besonderen Ereignisse am Opfer. Sie war kerngesund und hatte keinerlei körperliche oder psychische Beeinträchtigungen.

Durch die damalige DNA Analyse und Vaterschaftstests laut Krankenakte fanden wir den Wohnort des Vaters. Er wohnte in Helsinki, war inzwischen mit einer anderen Frau verheiratet und hatte 2 Kinder, arbeitete als Administrator in einer IT Sicherheitsfirma in Helsinki. Ich schickte Veikko nach Lappeenranta, damit er sich mit der älteren Schwester unterhält und sie befragt. Während dessen fuhr ich mit Emma nach Helsinki, um mit dem damaligen Vater des abgetriebenen Embryos zu sprechen.

Nach einer sehr langen Fahrt kamen wir in Helsinki an. Das Unternehmen wo der Vater gearbeitet hatte hieß „IT security solution ltd.“ Im Foyer angekommen zeigte ich meine Polizeimarke und die Empfangsdame brachte Emma und mich zum Administrator. Wir befragten den Mann und er versicherte uns, das er mit dem Opfer mehrere Jahre kein Kontakt hatte und er die ganze Zeit während der Tatzeit im Büro sich befand. Dies konnte er Anhand der Anwesenheitsliste nachweisen. Also kam dieser Mann nicht als Täter in Frage.

Nach der Befragung fuhren wir wieder nach Imatra zurück. Vielleicht hat ja Storm oder ein anderer was in der Zeit gefunden. Veikko hatte inzwischen die ältere Schwester ausfindig gemacht und sie detailliert befragt. Leider gab es nichts brauchbares anhand der Befragung. Sie erwähnte nur lediglich, das ihr smartphone während der Tatzeit so komische Geräusche gemacht hatte und das über mehrere Minuten hinweg. Veikko beschlagnahmte ihr smartphone, um es im Büro durch Eetu untersuchen zu lassen.

Es war schon sehr spät geworden, alle waren überarbeitet und ich befahl das alle nach Hause gehen sollten, sich ausruhen sollten, damit wir am nächsten Tag fit an die Arbeit gehen konnten. Ich fuhr nach Hause. Lennja war schon daheim, hatte was leckeres für uns zwei als Abendessen gekocht gehabt. Ich sagte ihr die neueste Nachricht und berichtete, das sie ab Montag in der SCU mit arbeiten dürfe laut Oberstaatsanwalt. Sie freute sich riesig darüber. Ihren neuen Kommunikationsknopf für das Ohr hatte ich mit dabei. Ihr smartphone bekam eine neue App, damit der Knopf sich aktiviert und wir in Zukunft miteinander von überall sprechen konnten.

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